Geht´s den Menschen gut, geht´s dem Tourismus gut

Die Gemeinwohl-Bewegung möchte die Wirtschaft vom Wachstumsdruck befreien. Auch im Tourismus orientieren sich einige Unternehmen bereits mehr am Nutzen der Allgemeinheit als am Profit – und wollen dafür belohnt werden.

http://www.deutschland-neu-starten.de/index.php/beispielseiten/gemeinwohloekonomie

Pioniere müssen sich ihren Weg erst ebnen. Das wissen der Globalisierungskritiker Christian Felber und die von ihm initiierte Bewegung. Sie beruht auf seinem theoretischen Konzept der Gemeinwohlökonomie, einem alternativen Wirtschaftsmodell, das den Menschen wieder in den Mittelpunkt rücken möchte.

Grundpfeiler der Gemeinwohl-Ökonomie

  • Grundwerte: Vertrauensbildung, Wertschätzung, Kooperation, Solidarität und Teilen
  • Rechtlicher Anreizrahmen für Gemeinwohlstreben und Kooperation anstatt für Gewinnstreben und Konkurrenz
  • Ohne Profitmaximierung kein Expansionsdruck
  • Gewinne fließen in Investitionen mit sozialem und ökologischem Mehrwert
  • Partizipation und Basisdemokratie
  • Nutzung der Natur an ökologische Auflagen gekoppelt
  • Reduktion des ökologischen Fußabdrucks anstatt Wirtschaftswachstum
  • Sozial verantwortliche Führungsqualitäten
  • Ein „Wirtschaftskonvent“ gießt nach breiter Diskussion alle Punkte in Gesetze.
    Quelle: http://www.gemeinwohl-oekonomie.org

Bereits 1476 „Pionier-Unternehmen“ bekennen sich seit 2010 zum nachhaltigen Wirtschaften und sozialer Verantwortung. Unter ihnen auch das Hotel Hochschober in Kärnten. „Die Gemeinwohlökonomie ergänzt unsere strategischen Entscheidungen bestens“, sagt Karin Leeb, Geschäftsführerin des Familienbetriebes auf der Turracher Höhe. „Der Leitfaden unserer Strategie sind aber nach wie vor Gästewünsche, Marktsituation, die Bedürfnisse auf den Herkunftsmärkten.“ Leeb meint, dass die Theorie in ihrer Gesamtheit kaum realisierbar ist, verteidigt aber ihre Vorzüge leidenschaftlich. „Es macht in unserer anlageintensiven Branche durchaus Sinn, wenn Unternehmen, die gemeinwohlorientierter handeln als andere, auch steuerlich begünstigt werden und niedrigere Kreditzinsen erhalten.“

Nachhaltig, sozial, regional
Wie aber sieht ein am Gemeinwohl orientierter Tourismus aus? Das Hotel Hochschober pflegt ihn, indem man mit regionalen Milchbauern gemeinsam Produkte entwickelt, das Haus mit Biomasse heizt und soziale Projekte wie das SOS-Kinderdorf oder ein Frauenhaus in Kärnten fördert. Außerdem kooperiert Leeb mit den „Best Wellness Hotels“ und tauscht Zahlen und Strategien für ein höheres Lohn- und Preisniveau aus. Denn am wichtigsten sei es, die Mitarbeiter wertzuschätzen: „Wenn wir den Fachkräftemangel in unserer Branche meistern wollen, müssen wir attraktiver für Mitarbeiter werden. Freiwillige Sozialleistungen senken aber den Gewinn, verschlechtern die Bilanznote und somit die Kreditkonditionen. Wir werden vom Markt und vom Staat dafür bestraft, dass wir in unsere Mitarbeiter investieren.“

Tue Gutes und bezahle weniger
Das langfristige Ziel der Gemeinwohl-Bewegung: Wer als Unternehmer sozial und ökologisch, demokratisch und solidarisch agiert, sollte im Wettbewerb einen Vorteil haben. Daher erstellen Pionier-Unternehmen wie das Hotel Hochschober freiwillig eine Gemeinwohl-Bilanz, die in 18 Kriterien misst, wie jene Werte gegenüber Mitarbeitern, Zulieferern, Kunden, Geldgebern, Region, Mitunternehmen, Umwelt und zukünftigen Generationen gelebt werden. Diese Bilanz basiert im ersten Schritt auf Selbsteinschätzung, im zweiten Schritt wird sie von externen Auditoren geprüft. Das Haus Hochschober erreichte von den insgesamt 1000 Punkten knapp die Hälfte. Leeb zeigt sich mit dem „ersten Etappenziel“ dennoch zufrieden: „Die Gemeinwohl-Bilanz ist keine Standpunktbestimmung, sondern ein Leitfaden – wo bin ich jetzt, wo will ich hin. Am Anfang dieses Weges müssen wir noch nicht glänzen. Wichtig ist, dass wir uns selbst hinterfragen und dazulernen.“

Diskussion eröffnet
Auch der steirische Chocolatier Josef Zotter leistet mit seinem Unternehmen einen Beitrag für eine faire Wirtschaftsordnung, verzichtet aber auf eine Gemeinwohl-Bilanz: „Wir haben uns dagegen entschieden, weil der administrative Aufwand noch enorm ist und ich nicht glaube, dass Gemeinwohl zum jetzigen Zeitpunkt präzise messbar ist.“ Zotter schlägt vor, ähnlich wie bei Bio- oder Fair-Trade-Zertifizierungen einige wenige, aber klare Richtlinien zu schaffen, die entweder ganz oder gar nicht einzuhalten sind. Er hält trotzdem an den gemeinschaftlich festgelegten Gemeinwohl-Kriterien fest: „Man muss den Spagat zwischen profitorientierter Wirtschaft und Gemeinwohl-Ökonomie schaffen. Die Ansätze sind sehr gut, das fertige Rezept muss aber erst in der breiten Diskussion gefunden werden. Noch wissen nur wenige Wirte, dass es sie überhaupt gibt.“ Laut Leeb seien außerdem branchenspezifische Kriterien geplant, die den Eigentümerstrukturen, dem hohen Fremdkapitalanteil und der Personalintensität im Tourismus gerecht werden würden.

Grundstein Gemeinwohl
In der Salzburger Gemeinde Lofer warten indessen die Pläne für das weltweit erste „Premium Gemeinwohl Ressort“ auf ihre Genehmigung. Das traditionelle Hotel Post soll modernisiert werden, wobei die alte Fassade mit Blick auf den Ortskern in ihrer Substanz erhalten bleibt. Initiator Martin Herbst ließ die Einheimischen entscheiden, wie die Architektur des Hotels aussehen sollte. Effiziente Technologien sollen erneuerbare Energien nutzen. Und damit das Personal langfristig dem Haus treu bleibt, wird es im eigenen Mitarbeiterhotel mit mindestens drei Sternen untergebracht.

Es bleibt abzuwarten, ob die harte Pionierarbeit aller Gemeinwohl-Betriebe auch belohnt werden wird. In einer „besseren“ Welt würde sie es wohl.

Von Florian Wörgötter

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erschienen in bulletin, Fachmagazin für die touristische Praxis, Jänner/Februar 2014

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